Weihnachten soll sich ruhig, vertraut und warm anfühlen.
Doch für viele Beschäftigte hört das Handy nie wirklich auf zu vibrieren.
Dieses leise Brummen in der Tasche während des Weihnachtsessens ist zu einem modernen Ritual geworden: noch eine E‑Mail vom Chef, eine „kurze“ Slack-Nachricht, ein Anruf, der „wirklich nicht warten kann“. Für immer mehr Angestellte sehen die Feiertage weniger nach Pause aus und mehr nach Bereitschaftsdienst aus dem Homeoffice.
Weihnachtsfrieden unter Druck
In der Vorweihnachtszeit steigt der Druck bei der Arbeit meist an. Teams hetzen, um Abschlüsse zu machen, Projekte fertigzustellen und letzte Berichte vor dem Jahresende abzugeben. Gleichzeitig organisieren viele Geschenke, Reisen und Familienlogistik. Wenn die Feiertage dann endlich beginnen, fühlen sich viele schon ausgelaugt, bevor der erste freie Tag überhaupt richtig startet.
Trotzdem bleiben zahlreiche Menschen auch während der Weihnachtspause für das Büro erreichbar. Daten des Digitalverbands Bitkom, zitiert von der Reiseplattform Holidaycheck, zeigen: 43 % der Beschäftigten sind in ihren Weihnachtsferien für die Arbeit erreichbar. Dazu gehören das Prüfen von E‑Mails, das Annehmen von dienstlichen Anrufen oder das Reagieren auf Nachrichten von Vorgesetzten und Kundinnen bzw. Kunden.
Rund vier von zehn Beschäftigten bleiben während ihrer Weihnachtspause für das Büro erreichbar – obwohl sie offiziell Urlaub haben.
Hinter dieser Gewohnheit steckt eine Mischung aus Angst, Loyalität und Routine. Viele fürchten, wichtige Entscheidungen zu verpassen. Sie wollen „Teamplayer“ sein. Manche haben schlicht das Gefühl, Schweigen könne bestraft werden, wenn die nächste Runde bei Beförderungen oder Entlassungen ansteht.
Frauen zahlen einen höheren Preis fürs „Immer-an“-Sein
Die Bitkom-Zahlen zeigen eine deutliche Geschlechterlücke. Fast die Hälfte der Arbeitnehmerinnen – 48 % – sagt, sie bleibe während der Weihnachtsferien für die Arbeit erreichbar. Bei Männern sinkt der Anteil auf 38 %.
Diese Differenz spiegelt ein größeres Muster. Viele Frauen leisten eine Doppelschicht: bezahlte Arbeit und unbezahlte Sorgearbeit zu Hause. Weihnachten verstärkt diese Belastung oft. Dieselben Frauen, die Geschenke, Essen und Familienbesuche koordinieren, beantworten dann vom Sofa aus auch noch dienstliche E‑Mails.
- Frauen, an Weihnachten für die Arbeit erreichbar: 48 %
- Männer, an Weihnachten für die Arbeit erreichbar: 38 %
- Insgesamt erreichbare Beschäftigte: 43 %
Für Arbeitgeber wirkt diese versteckte Verfügbarkeit vielleicht wie Hingabe. Für Beschäftigte bedeutet sie häufig Schlafprobleme, mehr Stress und kaum mentale Distanz zum Job. Wenn die angebliche Erholungsphase wegfällt, startet das neue Arbeitsjahr mit bereits halb leeren Batterien.
Ein Trend, der sich nach der Pandemie umkehrte
Interessanterweise ist der Anteil der Beschäftigten, die während ihrer Weihnachtsferien erreichbar bleiben, in den letzten Jahren gesunken. Vor der Covid-19-Pandemie, 2019, gaben 71 % an, sie seien an Weihnachten für die Arbeit verfügbar. 2020 fiel die Zahl auf 61 % und im Jahr darauf auf 50 %. Aktuell liegt sie bei 43 %.
| Jahr | Anteil erreichbar während der Weihnachtsferien |
|---|---|
| 2019 | 71 % |
| 2020 | 61 % |
| 2021 | 50 % |
| Aktueller Wert | 43 % |
Mehrere Faktoren stehen hinter dieser Veränderung. Die Pandemie hat Remote- und Hybridarbeit normalisiert – und damit fühlte sich permanente digitale Erreichbarkeit für viele endlos und erschöpfend an. Viele sind an eine Grenze gestoßen und begannen, klarere Grenzen zu setzen. Gleichzeitig wurde die öffentliche Debatte über mentale Gesundheit, Burnout und das „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit“ lauter, besonders in Europa.
Permanente Erreichbarkeit könnte ihren Höhepunkt überschritten haben. Mehr Beschäftigte beanspruchen nun ihr Recht, sich auszuloggen – selbst in kritischen Geschäftsphasen.
Trotzdem bedeutet der Rückgang von 71 % auf 43 % nicht, dass das Problem verschwunden ist. Für Millionen Menschen bleibt die Urlaubszeit durch Benachrichtigungen und Erwartungen verwischt, die sie nicht zu hinterfragen wagen.
„Nicht nur absurd, sondern auch respektlos“: Ein Star-Investor mischt sich ein
In diese Debatte schaltete sich einer der bekanntesten deutschen Unternehmer und Investoren ein: Carsten Maschmeyer, vielen TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern aus der Investorenshow „Die Höhle der Löwen“ bekannt. Er hatte eine klare Botschaft an Führungskräfte, die über Weihnachten permanente Verfügbarkeit von ihren Teams erwarten.
Maschmeyer betonte, Erreichbarkeit in den Feiertagen sei keine Selbstverständlichkeit. Die Erwartung, Mitarbeitende müssten rund um die Uhr abrufbereit sein, bezeichnete er als „nicht nur völlig absurd, sondern auch respektlos“. Diese Worte durchbrachen das übliche Corporate-Softtalk und gaben frustrierten Beschäftigten ein starkes Zitat, auf das sie verweisen können.
Beschäftigte haben ein Leben außerhalb ihres Jobs und sind keine 24/7-Hotline. Weihnachten gehört der Familie, Freunden und einem selbst.
Sein Argument ist einfach: Menschen sind keine Callcenter, die nie schließen. Sie gehen zu Familientreffen, kümmern sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige – oder brauchen schlicht Ruhe, um wieder zu Kräften zu kommen. Wenn Führungskräfte Feiertage wie einen normalen Arbeitstag mit anderem Dresscode behandeln, senden sie das Signal: Privates kommt immer an zweiter Stelle.
Wer ist an Weihnachten wirklich „unverzichtbar“?
Maschmeyer widersprach auch der Vorstellung, dass Bürobeschäftigte über die Feiertage unverzichtbar seien. Seiner Ansicht nach bricht die Welt nicht zusammen, wenn E‑Mails bis nach Weihnachten warten. Er verwies auf Berufe, die tatsächlich erreichbar sein müssen, damit die Gesellschaft funktioniert.
Zu den von ihm genannten zählen:
- Polizei und Rettungskräfte
- Feuerwehr und Technisches Hilfswerk
- Pflegekräfte, Betreuende und medizinisches Notfallpersonal
- Beschäftigte im öffentlichen Verkehr und in kritischer Infrastruktur
Diese Tätigkeiten beinhalten Risiken in Echtzeit und Entscheidungen über Leben und Tod. Bürobeschäftigte, die Jahresendberichte hinterherjagen, gehören in eine andere Kategorie. Ihre Aufgaben überstehen in der Regel eine Verzögerung von 48 Stunden ohne Schaden. Beides gleichzusetzen nährt eine Kultur, in der alle so tun, als seien sie unersetzlich – während die Erschöpfung still steigt.
Die versteckten Kosten permanenter Verfügbarkeit
Psychologinnen und Psychologen warnen, dass die „Always-on“-Kultur mehr als nur die Stimmung belastet. Wenn Menschen nie vollständig abschalten, bleiben Stresshormone erhöht. Die Schlafqualität sinkt. Gedächtnis und Konzentration lassen nach. Über ein paar Wochen wirkt das vielleicht machbar. Über mehrere Jahre wird daraus ein klares Gesundheitsrisiko.
Gerade Urlaubszeiten spielen eine besondere Rolle. Sie helfen dem Gehirn, Abstand zu Arbeitsrollen und Konflikten zu gewinnen. Dieser Abstand bringt im Januar Perspektive und Kreativität zurück. Wenn das Handy jedoch weiter mit Arbeitsanfragen aufleuchtet, findet dieser Reset nicht statt. Schon eine einzige E‑Mail spät am Abend kann jemanden mental zurück in den Büromodus ziehen.
Eine echte Pause ist nicht nur Zeit weg vom Schreibtisch. Es ist mentaler Freiraum, ohne dass die nächste E‑Mail im Hintergrund lauert.
Auch Unternehmen zahlen dafür einen Preis. Beschäftigte, die nie wirklich ausruhen, brennen schneller aus, sind weniger engagiert und wechseln häufiger den Job. Ersatz kostet Geld und Know-how. Kurzfristige Gewinne durch schnelle Reaktionszeiten über die Feiertage bedeuten oft langfristig mehr Instabilität.
Wie Beschäftigte ihre Weihnachtspause schützen können
Nicht jede Unternehmenskultur ändert sich durch ein Statement eines prominenten Investors. Viele Beschäftigte brauchen praktische Taktiken, um ihre freien Tage zu schützen. Arbeitsrechtlerinnen und Arbeitsrechtler sowie Expertinnen und Experten für Arbeitsgesundheit empfehlen eine Mischung aus technischen und sozialen Strategien:
- Eine klare Abwesenheitsnotiz setzen, in der steht, dass bis zu einem konkreten Datum keine E‑Mails gelesen werden.
- Push-Benachrichtigungen für Arbeitsmails am Handy ausschalten oder die App für die Urlaubszeit ganz entfernen.
- Vorab festlegen, wer dringende Fälle übernimmt, damit Verantwortung geteilt wird statt unausgesprochen zu bleiben.
- Für echte Notfälle einen einzigen Kanal definieren (z. B. eine spezielle Telefonnummer) und diesen sparsam nutzen.
Am besten funktionieren diese Maßnahmen, wenn Führungskräfte sie offen unterstützen. Wenn Vorgesetzte um Mitternacht Nachrichten senden oder an Heiligabend sofort antworten, übernehmen Teams das als tatsächlichen Standard – unabhängig von offiziellen Regeln.
Warum Unternehmen über das „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit“ sprechen
In Europa diskutieren oder implementieren einige Länder bereits Regeln, die Kontaktaufnahmen durch Arbeitgeber außerhalb der Arbeitszeit begrenzen. Das „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit“ verbietet nicht jeden Anruf nach Feierabend, setzt aber klare Normen. So müssen etwa nachts versendete E‑Mails nicht bis zum nächsten Arbeitstag beantwortet werden. Wiederholte Eingriffe in Urlaubszeiten könnten eine Entschädigung oder eine besondere Begründung erfordern.
Für global agierende Unternehmen wirft das neue Fragen auf. Wie organisiert man Teams über Zeitzonen hinweg, ohne dass jemandes 3 Uhr morgens zum Standard-Meeting-Slot wird? Manche Firmen testen geteilte Kalender, die Arbeitszeiten in verschiedenen Regionen transparent anzeigen und so versehentlichen Druck reduzieren. Andere nutzen „Später senden“-Funktionen, damit Nachrichten erst tagsüber bei den Empfängerinnen und Empfängern ankommen.
Die Debatte, die Maschmeyer angestoßen hat, reicht weit über Deutschland oder Weihnachten hinaus. Sie berührt eine Grundfrage des digitalen Kapitalismus: Wo endet Arbeit? Solange das Smartphone zugleich Arbeitswerkzeug und private Lebensader ist, wird die Gesellschaft weiter verhandeln, wo diese Grenze liegen soll.
Für Einzelne beginnt diese Verhandlung mit kleinen Handlungen: das Handy beim Essen stumm schalten, an einem Feiertag „nur fünf Minuten“ ablehnen oder eine Führungskraft bitten, besser zu planen statt auf ständige Last-Minute-Pings zu setzen. Das wirkt klein. Mit der Zeit formt es eine Kultur, in der Weihnachten frei zu haben kein Akt des Widerstands ist, sondern einfach guter Ton.
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